Alles andere als Einheitsbrei!

Jürgen Ferrary
24. März 2026

Als ich diese Andacht vorbereitet habe, bin ich über einen Satz von Pastor Tim Holladay gestolpert: „Gottes Plan der Einheit ist ein Plan, der auf Vielfalt beruht.“ Das hat mich getroffen. Denn oft denken wir: Einheit entsteht, wenn alle gleich sind. Gleiche Meinung. Gleicher Stil. Gleiche Vorlieben. Aber genau das wollte Gott nie.

Wenn er gewollt hätte, dass wir alle gleich sind, hätte er uns so geschaffen. Hat er aber nicht. Stattdessen sagt er: Trotz aller Unterschiedlichkeit seid ihr eins. Warum? Weil er uns verbindet. „Ein Gott und Vater von allen, der über allen ist und durch alle und in allen wirkt.“ (Epheser 4,6)

Einheit ist also nicht das Ergebnis von Gleichheit. Einheit ist das Ergebnis von Gottes Gegenwart. Und das ist pure Gnade. „Sola gratia“ – allein aus Gnade. Ein zentraler Gedanke der Reformation. Gott rettet uns aus Gnade. Er macht uns zu seinen Kindern aus Gnade. Und er stellt uns in eine Familie – aus Gnade.

Aber er geht noch einen Schritt weiter. Das griechische Wort für Gnade ist Charis. Es bedeutet unverdientes Geschenk, Gunst, Zuwendung. Und Paulus benutzt dieses Wort in einer spannenden Doppelbedeutung.

Charis ist nicht nur die Gnade, die uns rettet. Charis ist auch die Gnade, die uns befähigt. Oder anders gesagt: Gott schenkt dir nicht nur neues Leben – er schenkt dir auch Gaben für dieses Leben. Paulus schreibt: „Jedem Einzelnen von uns ist die Gnade gegeben worden nach dem Maß der Gabe Christi.“ (Epheser 4,7)

Das bedeutet: Jeder hat etwas bekommen. Niemand geht leer aus. Du bist nicht nur gerettet – du bist beschenkt. Und hier wird das Bild, das Paulus benutzt, plötzlich ganz praktisch: der Körper.

Dein Körper funktioniert nur, weil jedes Teil seinen Platz hat. Dein Auge sieht. Deine Hand greift. Dein Fuß trägt dich. Alles unterschiedlich. Alles wichtig. Alles verbunden.

Alles andere als Und genau so ist Gemeinde gedacht. Du hast einen Platz. Du hast eine Aufgabe. Du hast etwas, das sonst niemand in genau dieser Weise einbringen kann. Und wenn du es nicht tust – fehlt etwas.

Vielleicht ist genau das ein Problem unserer Zeit. Viele erleben Kirche wie ein Zuschauerraum: Einer vorne macht. Die anderen schauen zu. Aber so hat Gott sich das nie gedacht. Kirche ist kein Event. Kirche ist ein lebendiger Organismus.

Ein Körper, der nur dann wirklich lebt, wenn sich seine Teile bewegen. Denk an einen Muskel. Was passiert, wenn er nicht benutzt wird? Er baut ab. Und vielleicht gilt das nicht nur für Muskeln. Sondern auch für Glauben. Für Berufung. Für Gaben.

Wenn wir sie nicht einsetzen, verkümmern sie. Und dann wundern wir uns, warum sich unser Glaube kraftlos anfühlt. Dabei hat Gott längst alles gegeben. Einheit. Gnade. Gaben.

Die Frage ist nur: Was machen wir daraus?

Herausforderung für heute: Frag dich heute ganz konkret: Wo bleibe ich Zuschauer, obwohl Gott mich längst zum Mitmachen berufen hat? Bitte Gott, dir neu zu zeigen, welche Gaben er in dich hineingelegt hat. Und dann geh einen ersten, kleinen Schritt. Nicht perfekt. Aber bewusst. Denn Einheit wird sichtbar, wenn jeder seinen Teil lebt.

Sei gesegnet.

„Das Geheimnis des Vorankommens ist, anzufangen“ (Mark Twain).

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